Warum wir das Leben der Großeltern erforschen sollten

Wolfgang Krüger rund

Rat von Dr. Wolfgang Krüger
Psychotherapeut und Buchautor

Wir leben in einer sich ständig wandelnden Welt und das Lebenswissen der Großeltern wird immer unwichtiger. Noch vor hundert Jahren sprach man von einer Würde des Alters, heute ist man eher von der Lebendigkeit der Jugend fasziniert. Dabei verbirgt sich im Leben der Großeltern ein wichtiger Schatz von Erfahrungen.

Diese Erfahrungen sollten wir forschend erfragen. Denn wir müssen verstehen was früher war, um zu wissen, was kommen wird – heißt es in einer chinesischen Weisheit. Viele Geheimnisse, Eigenschaften, Überzeugungen und traumatische Erfahrungen werden von einer Generation an die andere weitergegeben. Wir sollten uns daher für unsere Großeltern interessieren. Eine solche Erforschung der Vergangenheit ist heute wichtiger denn je; denn wir müssen gerade in unserer orientierungslosen Zeit den Blick weit zurück wenden, um unsere Entwicklung zu begreifen.

Die Kunst des Fragens

Doch oft ist es nicht leicht, das Leben der Großeltern zu erfragen. Das ist nur möglich, wenn wir lernen tausend Fragen zu stellen und viel Geduld aufzubringen, weil die meisten Großeltern zunächst wenig erzählen. Besser gesagt: Sie reden viel und schweigen zugleich. Sie schweigen über den Krieg, die Flucht, über traumatische Ereignisse. Viel mussten sie verdrängen, meist war es für sie mehr ein Überleben und nicht eine Gestaltung des Lebens. Doch ihre Ängste und Enttäuschungen haben immer zu seelischen Beeinträchtigungen geführt, die noch heute spürbar sind. Wenn wir dies wissen, ahnen wir die Geheimnisse, die es in allen Familien gibt. Sie verstecken sich wie in einem alten Kellergewölbe, das man zugemauert hat. Ähnlich ist es mit den Geheimnissen der Großeltern. Man leugnet, dass sich ihr Onkel umgebracht hat, dass eine Tante in die Psychiatrie kam, dass ein Bruder in Untersuchungshaft saß und die Großmutter einen Selbstmordversuch unternahm.

Heftige Schamgefühle führen dazu, dass wir Lebensereignisse verdrängen, dass wir wichtige Teile des Lebens ausblenden und verleugnen – weil sie mit jenem Wunschbild nicht in Einklang zu bringen sind, das wir von uns haben. Doch der Preis für solche Verdrängungen ist hoch. Sie führen dazu, dass sich neurotische Muster ständig wiederholen. Die früheren Ereignisse sind ja nicht wirklich weg, nur begraben und führen nun ein destruktives Eigenleben.

Der Familienstolz

Doch die Familiengeheimnisse werden nicht nur verdrängt. Fast immer werden Familiengeschichten retuschiert, der Familienstolz lässt uns die Geschichten umschreiben, so dass schließlich eine Familienlegende entsteht. Solche Verbesserungen der Familiengeschichte gibt es häufig. Da werden Geburts- und Heiratsdaten korrigiert, denn in einem Dorf schickt es nicht, dass man vor der Heirat schwanger ist. Deshalb werden Berufe aufgewertet, aus einem einfachen Briefträger wird ein Beamter, aus einem Verkäufer ein Geschäftsführer, man verbessert und übertreibt, damit die eigene Geschichte dem Stolz der Familie entspricht.

Das Umschreiben der Familiengeschichte wird immer von Stolz diktiert. Und dieser Stolz zeigt sich am deutlichsten in den Werten der Großeltern. In jeder Familie ist man davon überzeugt, dass man auf ganz bestimmte Werte achten sollte. Für die einen ist Tüchtigkeit wichtig, für andere eine anständige Lebensweise und für manche auch ein gewisser Reichtum. In jeder Familie gibt es ein – meist ungeschriebenes – Buch, in dem alle wichtigen Familienwerte vermerkt sind. In ihnen ist die Essenz der Großeltern-Erfahrungen enthalten. Häufig sind sie auch deshalb so wuchtig, weil sie nicht nur eine Orientierung vorgeben, sondern auch sehr klare Familienaufträge. Das Enkelkind soll dann all jene Ziele erreichen, die den Großeltern versagt blieben. Solche Familienaufträge gibt es in fast jeder Familie. Wie ein Staffelstab werden sie von einer Generation an die andere weitergegeben.

Der Familienschatz

Es ist befreiend, wenn wir unsere Großelterngeschichte erforschen, die Familiengeheimnisse erkennen und die Familienaufträge hinterfragen. Allerdings ist dies nicht unproblematisch. Häufig wird man in der Familie zum Ruhestörer. Zudem verliert man auch seine innere Ruhe, wenn man zu kritisch die Vergangenheit betrachtet. Insofern ist es wichtig, dass wir uns bewusst sind, wie viel wir den Großeltern verdanken. Wenn sie Ängste bewältigten und trotz aller Schwierigkeiten neue Lebensprojekte begannen, profitieren wir von ihrem Lebensmut. Er ist ein wichtiger Teil jenes Familienschatzes, der wichtiger ist als jede materielle Erbschaft und immer an die nächste Generation weitergegeben wird. Dazu gehört, dass die Großeltern Vorbilder sein können, oft über Lebensweisheit verfügen, häufig gute Lehrer sind. Wenn wir dies würdigen, haben wir auch die richtige Einstellung, um unsere Erlebnisse mit den Großeltern noch einmal sinnlich zu erspüren. Wir müssen uns sinnlich daran erinnern, warum wir uns bei den Großeltern meist so wohlgefühlt haben. Fast alle Familienbotschaften werden sprachlos über sinnliche Erlebnisse weitergegeben. Man sitzt mit der Großmutter in der Küche und schleckt die Kuchenform aus, man hilft dem Großvater im Garten und er erklärt, wie man Bäume beschneidet. Und in dieser ruhigen, oft phantasiebetonten Welt der Großeltern geht es uns gut und wir übernehmen atmosphärisch die Familiennormen und Familienüberzeugungen. Um dies zu begreifen, müssen wir das Leben der Großeltern verstehen und dorthin reisen, wo sie aufgewachsen sind. Wir müssen verstehen, wie sie gelebt haben, vor welchen Herausforderungen sie standen. Durch dies Zusammenspiel von sinnlicher Erinnerungsarbeit und der analytischen Forschungsarbeit erkennen wir nicht nur die Geheimnisse der Großeltern, sondern wir spüren auch das innere Band mit den Vorfahren, was uns eine ungeahnte Stabilität und Sicherheit verleiht. Denn unsere seelische Stabilität ergibt vor allem daraus, dass wir im Kontakt zu unseren Großeltern sind. Dann haben wir unsere Wurzeln gefunden. Deshalb meinte schon Kästner, wir müssten uns an unsere Vorfahren erinnern, denn ohne sie „…wäre man im Ozean der Zeit, wie ein Schiffbrüchiger auf einer winzigen und unbewohnten Insel, ganz allein. Mutterseelenallein. Großmutterseelenallein. Urgroßmutterseelenallein.“

Mehr dazu:
Wolfgang Krüger: Die Geheimnisse der Großeltern – unsere Wurzeln kennen, um fliegen zu lernen

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